Tokio Hotel (Achtung: Satire!)

Ort: Velodrom, Berlin, Datum: 09.03.2006

Jawoll: Endlich mal ein Bericht über die Superpunker der Nation. Die Castingwunder im Zahnspangenalter. Die deutsche Boyband Nr.1!

Nachdem man sich über Monate köstlich amüsiert hatte über geistig angeschlagene Teenies (so waren wir ja NIE), die auf Konzerten von den 4 Kindern aus Magdeburg Hysterie auf professionellem Niveau zeigten (von der Musik verstand man bei Berichten nie irgendwas), stellte man mit Erschrecken fest, daß die eigene Freundin trotz fortgeschrittenem Alter von 21 Jahren immer wieder durchblicken ließ, dass sie diese Pop-Kapelle, welche der Nation über Monate (gefühlte Jahrzehnte) mit irgendeinem Liedchen über ein bisschen Regen unglaublich auf den Geist ging, doch irgendwie gut fand.

Da man selber ja ein enorm aufgeschlossener und topmoderner und sowas aber von emanzipierter Kerl war, hörte man sich fairerweise auch mal eine CD von den Blagen an. Weil man die Musik an sich eigentlich ziemlich ok fand und sogar ein Lied fand, was reichlich Eigenironie der Casting-Wunder beinhaltete, beschloss man, ab jetzt demonstrativ Tokio Hotel gut zu finden. Dies hatte natürlich in der Öffentlichkeit den exzellenten Effekt, daß alle Menschen einen bescheuert fanden - geht es also noch punkiger?

Da man auch noch der romantischste Mensch auf Erden war, kaufte man in einer streng geheimen Aktion zwei Karten für ein Berliner Konzert der Hotellar auf (selbiges Konzert wurde von der Columbiahalle ins Velodrom verlegt - niemand glaubte daran, daß diese doch ziemlich große Halle gefüllt werden konnte). Aufgrund des unglaublich hohen Peises der Karten wurde die Aktion unter Zuhilfenahme von allerlei alkoholischen Erfrischungsgetränken getätigt, welche die Unkosten als "voll super total geile Sache" erscheinen ließen.

Nachdem man die Karten dann irgendwann an o.g. Freundin übergeben hatte (und natürlich der tollste Mensch auffe Welt war), regten sich Zweifel, ob man wirklich auf dieses Konzert gehen sollte (leider nur bei mir - nicht bei der schrecklichen Freundin). Man fing damit an, gezielt KnallBummPeng-Magazine à la "Explosiv" usw. zu konsumieren, welche durchgehend kollabierende 12jährige zeigten - und ab und an auchmal Tokio Hotel, die wohl irgendwas auf der Bühne machten, wovon man aber aufgrund durchgehenden Gekreisches natürlich nie etwas verstand.

Am Donnerstag, dem 09.03. war es dann soweit: Taktisch geschickt hatte man sich am Vortag ganz schrecklich betrunken, damit man am Konzerttag demonstrativ leiden konnte, um so doch noch der Teenie-Band zu entgehen. Leider interessierte dieses (qualitativ hervorragend vorgetragene) Fast-Sterben aber niemanden. Ganz besonders die schreckliche Freundin nicht.

Nachdem ich (ich wechsel' hier in die Ich-Form, wie evtl. einige Literatur-Profis bemerkt haben) also erfolgreich den Abreisetermin herausgeschoben hatte, ging es los. Durch diverse Maulereien und Erinnerungen an ganz doll wichtige Dinge, die man doch noch zu Hause erledigen musste, machte ich die Hinfahrt in der S-Bahn zu einem Feuerwerk der Fröhlichkeit.

Angekommen am Velodrom (ca. 19:00 Uhr - Einlass war 17:00 Uhr) erblickten wir einen beeindruckenden Haufen Müll vor dem Eingang (vermutlich waren einige Windeln dabei). Daneben standen ca. 400 Absperrgitter.

Beim Reinkommen sah ich neben des eigentlichen Hallen-Eingangs eine ziemlich großen Bereich, in dem sich zahlreiche Eltern mürrisch mit Kaffe und so betranken. Diese Eltern waren offenbar von ihren minderjährigen Kindern quasi an der Gardrobe abgegeben worden. Hier hatte ich dann langsam wieder Spaß an der Aktion.

In der Halle selber gab es überall Bierstände, was die Laune weiter steigerte. Herzhaft fassungslos geglotzt wurde auf 12- bis 13jährige Mädchen, die sich wie Profi-Schlampen aufgetaktelt hatten, und auf Kinder, die allerhöchstens 7 waren. Ein Drittel der Anwesenden bestand aus Eltern und Betreuern, der Rest waren halt Kinder. Und Sanitäter. Und Ordner. Und Polizisten (why ever).

In der (gar nicht so schlechten) Halle schaute man halt mal so hier und da - Und dann ging "es" auch schon los. Als vermutlich irgendein gelangweilter Roadie im Dunkeln über die Bühne stolperte, ging in der ganzen Halle ein Gekreische los, was auf der Richterskala sicher eine lockere 4 erreicht hätte (Ist das viel? Ich habe keine Ahnung, aber es liest sich so lustig).

Dieses Gekreische steigerte sich natürlich noch, als dann ein paar Lampen angingen und die vier Teenager auf der Bühne einen ihrer Smash-Hits anstimmten. Ab da wurde zu meiner Überraschung aber weniger gekreischt, und dafür mehr mitgesungen. Die Musik (welche ich immer noch nicht schlecht finde - Nur die Texte sind halt leider auf Zahnspangen-Niveau) war also zu verstehen. Hier endet der Konzert-Bericht (jaja, wenig Konzert und viel Bericht) auch schon fast, da ich mich ab Lied Nr. 4 eigentlich nur noch langweilte.

Die Band spielte allerdings recht gut mit den Zuschauern, ließ viel von den Fans singen (was ich immer gut finde). Nur Ober-Teenie Bill ging mir etwas durch seine Dummlabereien über irgendwelche Lieder, die er ja schon mit 9 Jahren geschrieben hätte, auf den Geist.

Alle anwesenden Kinder hatten übrigens ganz tolle bunte Plastik-Stöcke, die super Farben produzierten - ich bekam sowas von meiner schrecklichen (und völlig begeisterten) Freundin natürlich nicht gekauft - Mist.

Lästig waren auch die zahlreichen Kontaktaufnahmen irgendwelcher Eltern, die mit völlig genertem Blick versuchten, mich zu irgendwelchen Eltern-Aussagen zu bewegen. Natürlich habe ich dieses überalterte Volk nur mit Verachtung gestraft.

Wie jedes andere gute Konzert war auch dieses um 20:45 Uhr zu Ende. Dann mussten alle (inklusive der Band) wohl ins Bett.

Beim Hallen-Verlassen wusste ich noch dadurch zu gefallen, dass ich im Hintergrund eines N24-Interviews albern grinsend auf meine schreckliche Freundin zeigte, die sich feige zu verstecken versuchte.

Fazit: War nicht uninteressant, mal ein Stück deutscher Pop-Kinder-Kultur zu erleben. Einmal reicht dann aber auch. Als nächstes Projekt habe ich bereits etwas wie "Zillertaler Schürzenjäger" oder sowas ins Auge gefasst.

  (von Zappi)
Zappi


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